Ein Schwal-bacher Wirtshaus mit großer Geschichte:„Haus Mutter Krauss" oder „Zum Hirschen"

SIGI FAY

Bereits auf einem historischen Ortsplan der Gemeinde Schwalbach am Taunus aus dem Jahr 1668 ist das Wirtshaus „Zum Hirschen" an jener Stelle eingezeichnet, an der es sich auch heute noch befindet. Zwangsläufig muß es also eine noch ältere Geschichte haben. Zwei andere Gasthäuser in Schwalbach werden zur selben Zeit genannt: das Haus „Zum Schwanen" und das Haus „Zum ROSS", beide übrigens an derselben Straße gelegen wie der „Hirsch". Und in der Tat läßt alleine diese Lage darauf schließen, daß die Geschichte dieser Wirtshäuser viel älter sein muß, als sie uns bekannt ist. Bei dieser Straße, die in voller Länge durch das ganze Dorf Schwalbach zieht, handelt es sich nämlich um die uralte Reichstraße, die - von Regensburg kommend - über Würzburg und Frankfurt nach Köln und Antwerpen führte.

Das Gebäude

Das Gebäude des Gasthofes „Zum Hirschen" oder zeitgenössisch „Haus Mutter Krauss" genannt, besser die heute anzutreffende Gebäudegruppe, rührt in ihren einzelnen Teilen aus ganz unterschiedlichen Zeiten her. Ältester Baukörper ist das heutige Frontgebäude mit seiner übergroßen Tordurchfahrt, die in einen rundum von drei weiteren einander berührenden Gebäudekomplexen abgeschlossenen Innenhof führt. Bereits auf dem eingangs erwähnten Schwalbacher Ortsplan aus dem Jahr 1668 ist an der Stelle des heutigen Frontgebäudes ein im Vergleich zu den anderen eingezeichneten Häusern des Dorfes überdurchschnittlich großes Bauwerk abgebildet. (Ähnlich verhält es sich mit den Gasthäusern „Schwan" und „Ross" !) Außer Rathaus, Pfarrhaus und Kirche ist dort keine Abbildung eines anderen Gebäudes größer.

Beim näheren Betrachten der Hofseite des Baukörpers wird deutlich, daß es sich eigentlich um zwei, wenn auch architektonisch sehr gelungen aneinandergefügte Bauwerke handelt. Dies ist aus der Frontansicht von der Hauptstraße her, im Gegensatz zur Hofseite, fast überhaupt nicht erkennbar. Auf der Hofseite liegen nämlich die Balken des in Fachwerk konstruierten Gebäudes offen, so daß das konstruktive Gefüge des Baukörpers durch Anschauung nachvollzogen werden kann. Durch dieses offene, freigelegte Balkenwerk wird dann auch sichtbar, daß wir es bei den Baukörpern des Haupthauses durchgehend mit Fachwerkkonstruktionen zu tun haben. Die Straßenseite ist dagegen völlig verputzt und verhindert so den Blick auf die Konstruktionsweise. Überhaupt muß davon ausgegangen werden, daß von Anfang an die Bauweise auf vollen Verputz angelegt war, während das Fachwerk auf der Hofseite aus dekorativen Gründen in den 20er, spätestens in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts freigelegt wurde. Dies lassen die vorhandenen Gestaltungen der einzelnen Gefache in Pseudokratzputzmanier vermuten. Als im Jahr 1927 der Schwiegersohn der damaligen Besitzerfamilie Krauss, Otto Diem, das Gasthaus mit seiner Frau, der Mutter-Krauss-Enkelin Susi Krauss, übernahm, ließ er die Anlage schrittweise weitgehend nach den damals modernen Gesichtspunkten der Gastronomie umgestalten. Hierhin muß auch die Freilegung des Hoffachwerks gehören.

Im Gegensatz zur heutigen Raumnutzung befanden sich bis in die 60er Jahre ursprünglich die Gasträume auch in diesem Front- oder Hauptgebäude: im Erdgeschoß die eigentlichen Gastzimmer, im ersten Stock ein sogenanntes „Bauernzimmer", eine Art Kolleg. Im zweiten Geschoß befanden sich die Wohnräume der Besitzer.

Unmittelbar an die westliche Außenwand des Hauptgebäudes wurde etwa um die Jahrhundertwende der „Saalbau" in Backsteinmauerwerk angebaut.

 

Historisches Wirtshausschild des Gasthauses „Zum Hirschen".

Der eigentliche Tanzsaal liegt in der ersten Etage und war ursprünglich durch zwei, später dann durch drei Zugänge erreichbar. Von den beiden älteren Zugängen führt der eine durch einen in der Bauzeit angelegten Wanddurchbruch vom Haupthaus, hier von den Wohnräumen der Inhaber, direkt in den Saal. Der andere wurde als Freitreppe mit Treppenpodest, vom Innenhof des Komplexes aus kommend, angelegt. Die Treppe beginnt unmittelbar am Ausgang der alten Gasträume im Haupthaus unterhalb einer wohl zur Bauzeit des Saals schon vorhandenen vorkragenden Überdachung des Fachwerkgebäudes. Ein breiter, moderner Treppenzugang zum Saal wurde, ausgehend von der gegenüberliegenden Hofseite, im Rahmen von Instandsetzungsarbeiten nach einem Bombenangriff im Jahr 1943 angelegt.

Das Erdgeschoß des Saalbaus wurde in seinem Hauptteil als Gasthausküche mit den notwendigen Nebenräumen und zum anderen als Kegelbahn mit Bewirtungseinrichtung angelegt. (Unklar bleibt, wo sich vor der Zeit des Saalanbaus die Wirtshausküche befand.) Die Kegelbahn wurde ebenfalls im Rahmen der Modernisierungen nach dem erwähnten Bombenangriff zu einer zusätzlichen großzügigeren Gaststube umgebaut und umgenutzt. Daher ist der Boden des auch heute noch hier vorhandenen Gastraumes stark abschüssig, wie es eine Gasthauskegelbahn damals erforderte. Überhaupt blieb dieser Gastraum seit der

Diem'schen Umgestaltung bis heute fast unverändert. Raumkünstlerisch interessant sind dabei die Ausgestaltung der Decke sowie drei größere an der südöstlichen Längsseite und eine kleinere an der nordöstlichen Stirnwand angebrachte, fast raumhohe, künstlerisch gestaltete Bildflächen in Sgrafittotechnik. Die damals direkt in den nassen Wandputz gearbeiteten Motive wurden von dem aus Kronberg im Taunus stammenden Künstler Julius Hembus ebenfalls nach den Zerstörungen von 1943 entworfen und ausgeführt. Sie zeigen entlang der Wand, von Süden aus gesehen, Frankfurter Stadtansichten.

Das Motiv des kleineren Bildes an der Stirnwand ist eine Weinkellerszene mit Fässern und einem Winzer, der gerade ein Gläschen Wein kostet.

Von dieser vormaligen, heute als Gastraum ausgestalteten Kegelbahn, führt ein zu Beginn der 60er Jahre gebrochener Wanddurchbruch über drei Stufen in den eigentlichen heutigen großen Gastraum. Dieser liegt schon in einem dritten Baukörper, der stumpfwinklig an den Saalbau anschließt und den Innenhof nach Süden begrenzt, erkennbar an der doppelten Wandstärke im Gewände des erwähnten Durchbruchs. Im Bereich dieses Gastraums befanden sich bis zum Umbau der beginnenden 60er Jahre die Spülküche des Wirtshauses, Lagerräume, und dort, wo das heutige Foyer eingerichtet wurde, „die Kelter": ein Kelterraum mit allen notwendigen Anlagen und Einrichtungen zur Herstellung des einst weitberühmten Haustrunks des Gasthofes „Zum Hirschen", des Schwalbacher „Äppelwoi", den angeblich Fürst Bismarck schon so schätzte und der wohl die Ursache dafür war, daß ungezählte Frankfurter das Gasthaus als Ausflugsziel im Taunus über Generationen so sehr liebten.

 

„Mutter Krauss ": Elisabeth Krauss, geborene Weil (1851-1936).

Im ersten Obergeschoß dieses dritten Baukörpers befanden und befinden sich (heute leider kaum genutzte) drei ineinandergehende Kollegräume, die ursprünglich nur vom Saal aus, heute auch über einen Treppenaufgang vom jüngeren Foyer her zugänglich sind. Sie sind noch immer überwiegend nach dem Zeitgeschmack der 40er und 50er Jahre ausgestattet und wurden einst vorwiegend bei Tanzveranstaltungen (hauptsächlich zur Fassenacht) als „Bar" genutzt. Viele ältere Schwalbacher werden die Räume mit ihrer „schummrigen" Beleuchtung und Stimmung wohl noch in guter Erinnerung haben, fand hier doch sogar dieses oder jenes spätere Eheglück seinen Anfang. - Im Dachgeschoß befinden sich Wohnräume für Hausbedienstete.

Der vierte, kleinere Baukörper, der die Hofanlage an der östlichen Seite abschließt, scheint, nach seinem Baustil zu urteilen, ähnlich alt oder nur wenig jünger zu sein als das eingangs beschriebene Hauptgebäude.

Es wäre - nach seiner Bauform zu urteilen - in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zu datieren. Auf dem eingangs erwähnten Schwalbacher Ortsplan aus dem Jahr 1668 ist es noch nicht zu sehen, kann aber nur wenig später entstanden sein. In dem Gebäude befindet sich im ausgebauten Dach eine kleine Wohnung, im Erdgeschoß neben einer Garagenanlage die ehemalige Toiletteneinrichtung des Gasthauses, die heute allerdings nicht mehr genutzt wird.

Die völlig in sich geschlossene Anlage mit ihrem intimen Innenhof stellt gerade wegen ihrer unterschiedlichen, aber sehr homogen aneinandergefügten Bauformen ein städtebauliches und dorfgeschichtliches Kleinod dar und bedarf eines behutsamen Schutzes.

Die Besitzer und Eigentümer

Die ältere Geschichte der Besitzer und Eigentümer des Gasthofes „Zum Hirschen", später „Haus Mutter Krauss", ist in weiten Teilen nicht mehr zu rekonstruieren. Bei wem das alte Schildrecht des Hauses lag und wer es vergab, liegt ebenso im Dunkel. Anzunehmen ist jedoch, daß es ursprünglich vom Dorfherrn, also den „Vögten von Schwalbach", nach deren Aussterben, wenn nicht schon früher, von der Gemeinde oder dem Gericht Schwalbach vergeben wurde.

Im „Jurisdictionalbuch" der Herrschaft Königstein aus dem Jahr 1668 ist zu lesen: „Weinschanck und schenckstätt seit 10 oder 12 jähr seind alhier zwey würthshäuser, Zum Weisen Ros und Hirsch, uffgerichtet worden, die geben wie ahn ändern orthen die zwölfte maaß wein, wie derselbige verzafft würd, sambt 4 dn. uffschlag von der maaß, auch vom bier, weil sie es anderswo mit der ohm kauffen, von jeder maaß l dn." (dn. = denar).

 

 

 

Nur auf den ersten Blick scheint verwunderlich, daß das dritte Schwalbacher Gasthaus, der „Schwan", in dem Buch, das nichts anderes ist als ein Inventar der Herrschaft Königstein, nicht genannt wird, obwohl es auf dem erwähnten Ortsplan aus dem gleichen Jahr doch zu finden ist. Der Grund für diese Nichterwähnung kann jedoch nur sein, daß die Wirte des Gasthofes „Zum Schwan" im Gegensatz zu denen vom „Weissem ROSS" und „Hirsch" nicht der Herrschaft Königstein abgabepflichtig waren, sondern einem anderen Herrn.

Vorderansicht des Hauptgebäudes, von der Hauptstraße aus gesehen.

Umgekehrt ist die Erwähnung der Abgabepflicht der beiden ersten Gasthäuser ein Beleg für deren oben vermutete enge Bindung an die Königsteiner Herren und damit an deren vormaligen Lehensnehmer, die Ritter und Vögte „von Schwalbach". - Leider nennt der Verfasser des Königsteiner Jurisdictionalbuches nicht die Namen der Wirte der erwähnten Gasthäuser.

Bekannt ist jedoch, daß ein Ignatius Krauss im Jahr 1799 das Gasthaus „Zum Hirschen" erwarb. Krauss war als Greiffenclau'scher Keller in Schwalbach tätig. Dabei bleibt jedoch zunächst unklar, ob der Keller (Verwalter) der Adelsfamilie von Greiffenclau als damaliger Inhaberin des örtlichen Dominalgutes dabei persönlich Eigentümer des Gasthauses war, oder ob er nur für seine Dienstherren, die Greiffenclaus, tätig wurde. Jedenfalls ist Krauss 1847 selbst noch als Keller in Dienste der Herren von Greiffenclau, muß also, wenn er es für sich erwarb, das Gasthaus nebenher geführt haben.

Da in den noch vorhandenen Akten der damalige Verkäufer des Hirschen ungenannt bleibt, spricht viel dafür, daß der Keller Krauss das Gasthaus sogar aus den Händen seiner Dienstherren, der Greiffenclaus, erworben hat, die es möglicherweise lange zuvor wiederum über die Herrschaft Königstein nach dem Aussterben der Ritter „von Schwalbach" als Königsteinische Lehensnehmer erhalten hatten.

Am 8. April 1849 wird dann der Enkel des Erwerbers, Ferdinand Krauss, geboren, - den Namen von dessen Vater kennen wir nicht -, der das Haus später übernahm und dessen Ehefrau Elisabeth, aus der damals schon seit vielen Generationen in Schwalbach ansässigen Familie Weil, die eigentliche „Mutter Krauss" war. Sie wurde 1851 in Schwalbach geboren. Wir kommen zum Schluß noch einmal auf sie zurück.

Seit 1799 jedenfalls bleibt das Gasthaus über mehr als eineinhalb Jahrhunderte im Besitz der Familie Krauss, bis deren kinderlose letzte Nachkommin Susanne Diem geb. Krauss, es nach dem Tode ihres Mannes Otto Diem, der am 8. Februar 1955 verstorben war, veräußerte. Danach war der „Hirsch" in unterschiedlichem Privatbesitz, bis das Gasthaus 1982 von der Stadt Schwalbach am Taunus selbst erworben wurde. Nach neuerlichem Verkauf an einen privaten Interessenten ging es wiederum 1992 durch Kauf in das Eigentum der Stadt zurück.

Das Gasthaus hat wohl während seines Bestehens zwei Phasen besonderer Beliebtheit und Prosperität erlebt. 

Die erste fällt in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts und dauerte bis annähernd an die Jahrhundertwende. Damals wurde es in Frankfurter Bürgerhäusern geradezu Mode, den Taunus zu entdecken. Frankfurter Künstler gründeten die Kronberger Malerkolonie, das Feldbergfest wurde erstmals gefeiert, der Taunus-Klub gegründet. Im Zuge dieser modischen Entwicklungen entdeckten die Frankfurter wanderfreudigen Bürger auch unser damals kleines Dorf und natürlich auch den Gasthof „Zum Hirschen" als gutürgerliches Speise- und, vor allem, „Äppelwoi"-Lokal. Das führte sogar dazu, daß während des Frankfurter Friedenskongresses 1867 der spätere Reichskanzler Fürst Bismarck hier weilte, ja zusammen mit dem „Hirschen"-Wirt in den Taunuswäldern gejagt haben soll.

 

Der Innenhof des Gasthauses mit der Rückseite des Hauptgebäudes. Deutlich erkennbar die verschachtelten beiden Bauteile.

Als im Jahr 1927 die letzte Krauss-Tochter Susanne (Susi) den Mainzer Kaufmann Otto Diem heiratete, leitete sie zusammen mit ihrem tüchtigen Ehemann eine neue Phase des Aufschwungs nach den Rückschlägen des Ersten Weltkriegs ein. Das junge Ehepaar war es auch, das dem Gasthaus „Zum Hirschen" damals den Beinamen „Haus Mutter Krauss" gab. Hintergrund dafür ist, daß die Großmutter von Susanne Krauss, die bereits erwähnte Elisabeth Krauss, geb. Weil, eine überall sehr beliebte und liebenswerte alte Dame war, deren sympathisches und mütterlich-fürsorgliches Auftreten den Gästen ein Gefühl des „zuhause" vermittelte. Sie starb im Jahr 1936 im ehrwürdigen Alter von 85 Jahren.